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über die baldige zukunft

raphaela edelbauer
einkehr 7

DAVE (auszug)

auszug aus DAVE

Heute ausnahmsweise ein wirklicher Tagebucheintrag für die SFD: Während ich abends meine eiegentümlichen Videos drehe, schreibe ich tagsüber an meinem nächsten, im Februar erscheinenden, Roman DAVE. Es ist keine Dystopie im eigentlichen Sinne: Der Witz ist, dass die Menschen im Buch aber glauben, sie sei es. Prof. Babusch, ein Kinderfernsehen-Star, sendet allabendlich die aktuellen Voraussagen für die Zukunft – und sie sind immer ein Graus. Sie mit der aktuellen Corona-Krise zu vergleichen wäre eine grobe Verzerrung aus der Fokalisierung des eigenen geschichtlichen Standpunkts, deswegen sage ich jetzt einmal nichts, außer: Jetzt DAVE, jetzt DAVE, jetzt DAVE!

 

 

Über die baldige Zukunft (Auszug aus DAVE)

 

1.


Die Zukunft wird keine schöne sein, wie ein Kurzfilm für Volksschüler eindrucksvoll beweist: Dr. Babusch, Ressourcenspezialist und Pädagoge erklärt:
Die Probleme lauten im Jahr 2200 erstens ein Mangel an Ressourcen, zweitens zu viele Menschen (30 Milliarden), was mit erstens kausal zusammenhängt – drittens ein Fehlen an Ideen, viertens ein Abfinden mit erstens und zweitens. Fünftens eine Veränderung des Klimas und sechstens schließlich jene körperlichen Veränderungen, von denen das Video an dieser Stelle noch schweigen muss.
Für die Demonstration  bemächtigt sich Dr. Babusch einer Flipchart: Wir befinden uns im Juni 2200. Das früheste Symptom des neuen Zeitalters wird sein, dass uns der Treibstoff ausgeht, was die Menschen mitnichten davon abhalten wird, Lebensmittel zu konsumieren, die an anderen Orten produziert worden sind. Deswegen werden ausnahmslos alle Speisen in Dosen verpackt sein, um den längeren Transport per pedes zu gewährleisten, auf den mangels Alternativen umgesattelt wird. Das umfasst: Dosenkuchen, Dosenhuhn, Dosenbrot, Dosengauda und natürlich Dosenmelonen.
Die Häuser werden höher, jedoch niedriger-per-Stockwerk, was als Einheit (npS) anstelle der Wohnungslage die Qualität eines Hauses bestimmen wird. Die Durchschnittswohnung wird um die 110 cm  hoch sein, was eine kriechende Haltung vorschreibt, besonders miserable Notstandsbauten können aber durchaus auch nur 50cm hoch sein und damit mit Ach und Krach erlauben, dass man sich abends in sein Kabuff seitlich hineinrollen kann. Berufe werden nur in Ausnahmefällen ausgeübt, die Normschlafzeit erhöht sich jedoch auf 17 Stunden, was uns von einer stark veränderten, aber strengen Verwaltung verordnet sein wird. Politische Entscheidungen umfassen die vier relevanten Bereiche des zukünftigen Menschen, die lauten: die Mahlzeiten, das Wetter, Wasser und Straßenbelag, da befestigter Asphalt zu einem Sehnsuchtsort geworden ist und alle unablässig im Schlamm  zu kriechen verurteilt sind. Selbstverständlich leben bei weitem zu viele Menschen auf der Erde, um sich noch mit Wasser duschen zu können: „Sauber“ wird man, indem man sich in sogenannten Schleifhallen, kleineren Kammern aus Drahtbürsten, so lange hin und her windet, bis das Blut nur so spritzt.
Selbst bei den tristesten Voraussagen, schließen jedoch Babusch, wird man aber unter Umständen die Prognose sogar noch weiter herunter korrigieren müssen, wenn wenn nicht ein gewaltiger sowie radikaler Fortschritt in der Entwicklung von DAVE vollzogen wird. Video aus, Applaus.

 

 

2.


Die Zukunft hat das Potenzial, eine beklagenswerte zu sein, erklärt Dr. Babusch im Video, und beamt mit Lichtgeschwindigkeit die neuesten Daten auf die Videowall hinter seinem Rücken. Also passt auf liebe Kinder, aber auch liebe Eltern, denn wir alle haben die Welt gemeinsam in der Hand. Womit bereits im Jahr 2100 gerechnet wird, ist relativ offensichlich: 45 Milliarden Menschen werden in Kürze Schulter an Schulter unseren darniedergetretenen Globus bevölkern, was in etwa fünf Mal so viel ist, wie die Erde unter Idealbedingungen zu ertragen imstande wäre.
Die Prognosen bezüglich der Lebenssituation sind verheerend, erklärt Babusch und befördert seinen Zeigstock heraus: Tagsüber werden wir alle mit Nase und Mund in Fressrinnen hängen, die von den Regierungen als letzte Maßnahme in den kargen Erdboden gezogen werden. Durch diese Pipelines fließt Tag und Nacht ein zäher Brei, der hauptsächlich aus Nährlösung, tierischen Abfällen, Vitaminspritzen, Formfleisch, Schilddrüsenhormon und Haferflockenersatz besteht. Da darin durch die kaum mehr vorhandenen Ackerflächen und verfassungsmäßig verordneten Nährstoffeinsparungen trotzdem kaum mehr Kalorien enthalten sind, werden sich die 8 Stunden der Hauptarbeitszeit vor allem auf die Ernährung des eigenen Leibes beziehen, denn so lange wird das „essen“ dauern. Dieser Schichtdienst besteht darin, mit den verbliebenen Zahnstummeln, die im dauernden Todeskampf mit den günstigen Zuckern stehen, die Nahrungspartikel wie Plankton aus dem Sud zu filtern.
Auch die Wohnsituation wird sich verschärfen, sagt Babusch keuchend, denn für jeden Menschen kann nach Adam Riese so nur ein Quadratmeter übrig bleiben. dAbends werden wir darum alle in einen Art Gitterverhau kriechen: Dort können wir entweder erstens kommunalfernschauen, zweitens gebären oder drittens siechen, eine der wenigen Entscheidungen, die einem dann noch nicht abgenommen werden. Gebäude wird es ebensowenig geben wie Grünflächen, denn die Klimaerwärmung hat die gesamte Flora darniedergetreten und dauernde Erdbeben lassen die Fundamente einstürzen wie angenässte Kartenhäuser. Alles spielt sich auf dem nackten Erdboden ab, der zwar mürbe aber auch alle gleich macht. Die Körper werden in Exkrementen mindestens schwimmen – die hohe Luftfeuchtigkeit das Erdreich in eine Güllemasse verwandeln. Der einzige Komfort der Kindheit wird bei dieser Bevölkerungsentwicklung sein, dass man bis zu seinem fünften Lebensjahr bäuchlings in einem Becken mit etwas kühlerem Schlamm liegen darf.
Die Option, die zu diesem Zeitpunkt noch valide bleibt, ist es, sämtliche Anstrengungen auf DAVE zu richten, dessen Superintelligenz uns Wege erschließen kann, auch andere Planeten zu besiedeln, sodass die menschliche Würde gerettet werden kann. Film aus.

 

 

3.

Hallo liebe Kinder und liebe Anhängsel, sagt Dr. Babusch, ich appeliere an euch die Grausamkeit der Realität nicht für euch zu behalten, sondern sie ungeschönt an eure Bezugspersonen weiterzugeben. Neue wissenschaftliche Daten zeichnen ein noch schlimmeres Bild, als wir bisher annahmen: 60 Milliarden Seelen erwarten uns schon im Jahr 2050 auf dem sinkenden sowie stinkenden Planeten Erde.
In jenen großen Kobeln, in denen, wie wir wissen, das Leben bald stattfinden wird, herrschen unappetitliche Verhältnisse: Der Schweiß der wie Kühe an Ketten befestigten Menschen wird über Schneisen in Kläranlagen geleitet und zu Trinkwasser aufbereitet, Angstschweiß und exklusivere Schweiße können sogar zu Sekt etc. verarbeitet werden, den dann die wenigen Privilegierten trinken, die in etwas größeren Kobeln hausen. Es herrscht ein Überwachungsstaat, den man sich wie einen strengen Bauern vorstellen kann.
Jeder Tag beginnt mit einem Gesundheitscheck, den eine in ein Halsband eingelassene Sonde durchführt - dies ist heiligste Pflicht für jeden Bürger. Die abgelesenen Werte sind selbstverständlich vollkommen wertlos, denn abgesehen davon, dass alle stets nahezu tödliche Cholesterinwerte und eine lethale Lungenverpestung zu beklagen haben, beginnt schon Minuten darauf die stundenlange, quälende und ebenfalls verpflichtende Wertschöpfung, die in giftiger Luft, bei hoher Feinstaubbelastung darüber hinaus aber in kauernder Haltung und vollkommen ohne Bewegung stattfindet. Mit den bloßen, abgenagten Nägeln gräbt man nach Wurzeln und Gewürm, für den kollektiven Brei.

Nun zum Klima: Durchschnittstemperatur werden 65 Grad sein, was über die Jahrzehnte zu einer Ausdehnung des Knochenmaterials führt. Die Schienbeinknochen eines Europäers werden deswegen schon im Jahr 2060 zwei Meter lang sein, was nur mehr eine kriechende Haltung erlaubt. Die Knie werden bald verhornen, dafür aber durch die ständig steigende Luftfeuchtigkeit Ödeme in der Hüfte entstehen. Der Oberkörper wird einsacken, der Thorax zylynderförmig werden, die Augen zu Schlitzen, die Ohren zu verpanzerten Chitinklappen, der Schlund nach außen gestülpt und der Mensch zu einer Reuse mit Geschlechtsöffnung, was das Bevölkerungwachstum allein schon durch anatomisch bedingte Unglücke noch weiter nach oben treibt.
Worum es deswegen jetzt für uns ALLE geht, schließt die Videobotschaft, ist dass man seine Kinderproduktion durch einen DAVE einschränkt, und zwar indem man seinen Kinderwunsch durch einen DAVEwunsch ersetzt. Tragt ihr die Botschaft weiter liebe Kinder, sagt Dr. Babusch treuherzig, helft uns mit eurem Glauben an DAVE, auch den Glauben an uns zu erhalten. Video aus.

 

aus:
raphaela edelbauer: DAVE (geplanter erscheinungstermin: februar 2021, verlag klett-cotta)