beitrag von: seidi
Abschied
aufgabe: 5 - ein gegenüber. dreizeiler über einen vertrauten menschen
Wir blieben sitzen. Keiner wagte als erste:r aufzustehen. Als würde sie, wenn wir nur lange genug sitzen blieben, zurückkommen.
schule für dichtung
vienna poetry school
Wir blieben sitzen. Keiner wagte als erste:r aufzustehen. Als würde sie, wenn wir nur lange genug sitzen blieben, zurückkommen.
Ich oute mich hiermit einerseits als Fan des Doppelpunkts beim Gendern, und gleichzeitig als Skeptiker, wenn es um Literatur und Lyrik geht. Beim Lesen wirkt es angestrengt und wird damit anstrengend. Ich weiß auch nicht, wie man das vorlesen würde. Inkonsequent ist, dass „Keiner“ nicht gegendert wird – überhaupt passieren da leicht Inkonsequenzen und es tun sich Widersprüche auf. Was da aber im Gedicht transportiert wird, ist berührend, eigentlich erschütternd. Ich sehe vor mir das Begräbnis, eine Frau ist gestorben. Vielleicht eine Mutter oder Großmutter. Die Trauergemeinde verharrt auf den Sitzen – in Trauer erstarrt. Die Sonderzeichen lenken da nur vom Wesentlichen ab. Ich werde jetzt keinen Vortrag über biologisches, gelebtes, gelesenes und grammatisches Geschlecht halten – wir dürfen nur eines nicht mit dem anderen verwechseln. Beim Gendern regieren Missverständnisse. Sie täten dem Gedicht einen riesigen Gefallen, es zu vereinfachen: Wir blieben sitzen. Keiner wagte es, als Erster aufzustehen. Als würde sie, wenn wir nur lange genug sitzen blieben, zurückkommen. So entfaltet es seine Wucht.
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Danke für den Kommentar, obwohl ebenfalls Verfechterin des : hatte ich hier diesbezüglich auch schon Zweifel.