beitrag von: TseTse
Stilübungen zur Abnahme des Ichs — I
aufgabe: 1 - innenschau. dreizeiler über empfindung, gefühlswelt.
Ich — 86 Milliarden Neuronen im Wärmetod auf Raten — nenne ein synaptisches Glühen: Glück.
Dopamin schreibt mir Bedeutung ins Frontalhirn, wie du einst in mein Poesiealbum: Liebe.
Wie stolz Materie wird, wenn sie ihre Chemie für Seele hält.
review von: Lukas Meschik
(Hinweis am Rande: Wir bitten darum, am Tag höchstens zwei Gedichte zu posten, damit es sich etwas verteilt, danke!)
Das sprengt eigentlich den Rahmen eines Dreizeilers, aber wir wollen nicht so sein. Den Wärmetod kann – ich musste es recherchieren – das Universum sterben. Sein hypothetischer Endzustand, Sie haben darin klug ein poetisches Bild und Wort erkannt. Überhaupt gelingt Ihnen, Wissenschaftssprache poetisch zu machen. Es klingt nirgendwo gestelzt oder unpassend. Auch die Doppelpunkte könnten leicht nerven, transportieren aber eine Sachlichkeit, die zum Restgedicht gut passt.
Lieber Herr Meschik,
herzlichen Dank für den/die/das Review! Und ich bitte um Verzeihung für den kompletten Schwung der sechs Dreizeiler.
Ich habe sie in Gedanken an Raymond Queneaus "Stilübungen" als Variation unter formaler Selbstbeobachtung angedacht: vom neuronalen Überschwang
zur ökologischen Zustandsbeschreibung aus der Ferne. Daher auch der Wechsel zwischen kühler Wissenschaftssprache, klassischer Überhöhung und starker Formalisierung.
Herzliche Grüße