review von: Lukas Meschik
Ein sehr eindrückliches, geerdetes Gedicht, das seine Zutaten gut abwägt und sich dann auf sie verlässt. Der Titel ist schön, weil er dem positiven „Willkommen zuhause“ drei Zeilen hinterherschickt, die eine geweckte Erwartung nicht einlösen. Das schafft eine kleine Fallhöhe, die in uns einen Ruck erzeugt. Der „Schmutz der Tage“ trägt so viele Bedeutungen, dass einem angenehm schwindlig wird. Da können wir Schichten freilegen wie beim Schälen einer Zwiebel. (Nobelpreisträger Günter Grass häutet die bekanntlich lieber.) Erst blitzt die Jacke auf, dann Straßendreck, dann die Beschwerlichkeit eines Lebens. Eine vielzitierte Schreibregel aus dem angloamerikanischen Raum lautet: „Show, don't tell“. Die ist natürlich wie alle Regeln Blödsinn, weil gerade wir Lykerinnen und Lyriker wissen, dass man ruhig benennen und erzählen darf, und wie alle Regeln gilt sie manchmal. Hier ist die Beschreibung der Handlung stärker als die Beschreibung eines Gefühls es sein könnte. Das Drehen des Rings am Finger sagt viel – und für jeden etwas anderes. Auf jeden Fall zeigt es eine Nachdenklichkeit, es erzählt eine Geschichte. Persönlich bräuchte ich die Punkte als Zäsur überhaupt nicht, aber wenn das Ihr Stilmittel ist, das Ihnen behagt, dann lassen Sie es so.
Die beschriebene Situation sehe ich vor mir, ich fühle sie. Der Wortrhythmus gefällt mir ausgesprochen gut, weil sich durch die gemeinsamen Erinnerungen, den Schmutz und das Drehen am Ring ein stimmiges Gedankendreieck ergibt. Ich frage mich nur, um welche vertraute Person es in diesem Gedicht geht? Geht es um die Vertrautheit des Ichs zu sich selbst? Dann macht der Ring für mich wenig Sinn oder geht es um eine andere Person, von der ich aber so wenig erfahre, dass sich bei mir keine Vertrautheit einstellt.