beitrag von: BOA
Einsamkeit?
aufgabe: 2 - lebensraum. dreizeiler über ein bewohntes zimmer.
Vermisse sein leises Schnarchen Hole ihn zu mir auf die Couch, kraule sein weiches Fell Vibrierendes Schnurren belebt mein Zimmer
schule für dichtung
vienna poetry school
Vermisse sein leises Schnarchen Hole ihn zu mir auf die Couch, kraule sein weiches Fell Vibrierendes Schnurren belebt mein Zimmer
Beim Titel, der sich selbst hinterfragt, sehe ich den dahinterliegenden Prozess, der zu dieser Entscheidung geführt hat. „Einsamkeit“ wird zur Frage, die auf verschiedene Arten formuliert werden kann: Bin ich einsam? Nimmt uns ein Haustier die Einsamkeit? Was ist Einsamkeit überhaupt? Was ist so schlimm an Einsamkeit, die etwas anderes ist als Alleinsein? Mir gefällt, dass dieses Gedicht bewusste Aussparungen vornimmt, es geht sehr behutsam und subtil vor. Das vermisste Schnarchen will man sofort einem Menschen zuordnen, und man sich Sorgen, ob jemand verschwunden oder womöglich gestorben ist. Das Fell führt uns in die Tierwelt, und das „Schnurren“ weist zur Katze. Weil es sich um ein männliches Tier handelt, haben wir es wohl mit einem Kater zu tun. „Vibrierendes Schnurren“ ist perfekt formuliert. Man spürt beim Lesen – und auch beim Schreiben – sofort, wenn das beste Wort gefunden ist, da rastet etwas ein. Das Vokabular unterstützt überall eine vermittelte Atmosphäre: Das Schnarchen ist „leise“, also sanft, nicht störend; das Fell ist „weich“; ein Zimmer wird „belebt“. Es schießt nie übers Ziel hinaus, das Gedicht vermittelt Heimeligkeit ohne Kitsch.