beitrag von: johannes
KRANK! zweiter Teil
Während also Krankl auf der Bank am Gang des Stadtamtes wartete, war im Büro des Bürgermeisters eine hitzige Diskussion im Gange:
„Eine schrecklich unangenehme Sache“, sagte der Bürgermeister zum Primar, „hat das Zeug zum Skandal, vom finanziellen Schaden ganz zu schweigen“.
Der Primar blickte nervös auf die Uhr. Für 11 war die Pressekonferenz anberaumt: Sein Hausmeister Krankl hatte den Starter des anstaltseigenen Notstromaggregates in den Oldtimer des Primars eingebaut, bevor dieser damit und seiner Gattin nach Nizza auf Sommerurlaub fuhr. Krankl war in solchen Sachen geschickt, geschickter als die ansässige Werkstätte, die konnte nämlich keinen passenden Starter auftreiben. Der Primar überlegte daher nicht lange, als Krankl ihm die Sache mit dem Leihstarter vorschlug. Er fragte nicht nach, woher Krankl diesen bezog, war heilfroh, in Urlaub fahren zu können und vergaß, so wie leider Krankl auch, den Starter. Fatal an der Sache war, dass das Notstromaggregat bei Stromausfall die lebensnotwendigen Systeme am Gelände erhalten hätte. Zu den lebensnotwendigen Systemen gehörte hauptsächlich das Kühlsystem der Rinder-Besamungsstation.
„Die Sache wäre gar nicht passiert, wäre diese verdammte Rinder-Besamungsstation nicht vor 13 Jahren auf dem Gelände meiner Klinik errichtet worden.“ jammerte der Primar. „Just zu dem Zeitpunkt, als ich die Leitung hier übernahm. Ständig dieses Brüllen der Stiere am Gelände, wenn sie angeliefert werden! Patienten und Personal beschweren sich unablässig bei mir.“
Doch der Primar konnte nichts dagegen machen, die Stadtregierung stand hinter der Besamungsstation wie der Tierarzt hinter der Kuh bei der Insemination.
„Die Rinder-Besamungsstation haben Sie den „Alternativen“ zu verdanken“, erwiderte der Bürgermeister. Er meinte mit den „Alternativen“ die Partei für Umweltschutz und fuhr fort: „Wer damals für Umweltschutz und gegen Aufrüstung schrie bekam Wählerstimmen frei Haus! Praktisch über Nacht waren sie nach der damaligen Gemeinderatswahl die stärkste Fraktion in der Stadtregierung. Stellten haarsträubende Forderungen, konnten zum Teil manche umsetzen. Ein Überbleibsel aus dieser Zeit ist die Bauwidmung der psychiatrischen Klinik. Diese sah ursprünglich Tierställe am Gelände vor, in denen die Patienten arbeiten sollten. „Tiere wirken sich positiv auf die Genesung der Patienten aus“ war das Credo der „Alternativen“. Ha! Die Ställe verkamen schneller als eine Jungfrau in einer Matrosenkneipe! Den Streichelzoo hat ihr Vorgänger nach einiger Zeit mit Hilfe einer Weisung gottlob einfach eingestellt.“
Der Primar kannte die Geschichte. Die unterschriftsreife Umwidmung der Ställe in ein medizinisches Labor reichte der alte Primar bei der Stadtregierung leider nicht mehr ein. Ein Herzinfarkt fegte ihn von der Platte und er, der unglückliche Nachfolger, wurde bei seiner Bestellung vor die vollendete Tatsache gestellt, dass der neue Gemeinderat, inzwischen wieder mit einer satten, konservativen Mehrheit ausgestattet, die Errichtung einer Rinder-Besamungsstation auf dem Gelände beschlossen hatte. Die verkehrsgünstige Lage und das angrenzende Grünland, das dem Bürgermeister gehörte, gaben den Ausschlag. Das Grünland verpachtete der Bürgermeister profitabel an die Besamungsstation.