franz adrian wenzl
KRANK! dritter Teil - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) KRANK! dritter Teil

beitrag von: johannes

KRANK! dritter Teil

Lieber hätte der Bürgermeister das Grünland verkauft, mit dem Geld wäre ein Seegrundstück zu haben gewesen, doch die kurze, mühevoll geheim gehaltene Mitgliedschaft des Bürgermeisters bei den „Alternativen“ damals, war dem Bauernbundobmann bekannt, der, missgünstig, Lunte roch und den Bürgermeister während eines Frühschoppens auf seine „Jugendsünde“ ansprach. Der Bürgermeister verstand und gab sich mit Verpachtung zufrieden. Den Pachtzins erhöhte er nach Ableben des Bauernbundobmannes jährlich, sodass sich zumindest eine Boje im See ausging, an die der Bürgermeister später ein Segelboot band. Fast so gut wie ein Seegrundstück. Das zweite Erbe der alternativen Vergangenheit des Bürgermeisters war seine Frau. Sie war damals ebenfalls bei den „Alternativen“; leider hatte sie ihre Einstellung von damals behalten: sie kochte vegetarisch. Seit einigen Jahren – dem Trend der Zeit folgend - stieg sie auf vegan um. Seit vegan am Speiseplan stand, dickte die Frau Bürgermeister die Gemüseaufläufe oder den Bretonischen Bohneneintopf nicht mehr mit Schlagsahne ein. Eine Qualitätseinbuße für den geplagten Bürgermeister. Die einzige Oase in dieser kulinarischen Wüste waren die Gemeinderatssitzungen: Die fanden am Dienstag, dem Schlachttag beim Blauen Ochsen, dem nebenbei eine Metzgerei angeschlossen war, statt. Zu seinem veganen Senf schluckte der Bürgermeister gierig die kesselheißen Würste und wohl oder übel die spöttischen Blicke der Gemeinderäte hinunter. Größeren lukullischen Widerstand leistete er gegenüber seiner Gattin nicht, wollte er doch deren gemeinsame „alternative“ Vergangenheit nicht aus der Versenkung heraufbeschwören. Ein Breittreten des Stromausfallskandals war also das letzte, das er gebrauchen konnte: Beim Stromausfall im August sprang das Notstromaggregat - wegen des fehlenden Starters, der befand sich ja im Citroën des Primars - nicht an. Das Kühlsystem der Rinder-Besamungsstation fiel aus. Sämtliche Stierspermien tauten auf. Ein Schaden, der in die Hunderttausende ging. Für die Besamungsstation die pure Katastrophe. „Hören Sie, Herr Primar“, sagte der Bürgermeister, „wir brauchen ein Bauernopfer. Wenn die Versicherung nicht zahlt, steht der Besamungsverein vor dem Ruin und wir beide verlieren unsere Stellung. Wir sind uns also einig? Ja? Dann wollen wir gleich mal vor die Presse treten, der Herr Krankl ist ja hoffentlich schon da, oder?“ „Ich weiß nicht,“ fragte der Primar, „gibt es denn gar keine Alternativen?“. „Hören Sie mir mit Alternativen auf!“ blaffte der Bürgermeister. „Gemma!“ Die Presseerklärungen des Bürgermeisters und des Primars waren kurz und knapp. Hausmeister Krankl hatte eigenmächtig und in Gewinnabsicht den Starter des Notstromaggregates entfernt und wurde der Presse als Hauptschuldiger vorgeführt. Er verlor mit sofortiger Wirkung seine Anstellung und musste unverzüglich die Hausmeisterwohnung räumen. Die Versicherung, dessen Obmann der Sohn des verstorbenen Bauernbundobmannes war, fand kein wesentliches Vermögen bei Krankl, an dem sie sich schadlos hätte halten können. Mit Genugtuung aß der Bürgermeister am Abend seine Kesselheiße im Blauen Ochsen. Der Primar startete unmittelbar nach der Pressekonferenz seinen Citroën DS und fuhr heim zu seiner Gattin.

review von: franz adrian wenzl

Mein erster Impuls war, dass dem Text Untergliederungen oder Absätze gut tun würden, aber mit etwas Abstand muss ich sagen, dass du mMn die ideale Form für deine Geschichte gefunden hast. Ich würde das eigentlich als Litanei bezeichnen, die präzise Aufzeichnung der Höllenmaschine, in der Yaseen gelandet ist, wo ein Zahnrad ins nächste greift & der Schluß einfach nur der einzig folgerichtige ist. Die einzelnen Handlungen sind oft weniger Gemeinheiten als Notlagen, Notlügen, Schwäche - richtig perfide wirds erst im Gesamtsystem. Ich denke, das ist sehr gelungen dargestellt.

Noch was: Mein Eindruck ist, dass der erste Teil sprachlich sehr präzise gearbeitet ist, kein Gramm Wort zu viel. In weiterer Folge ists nicht mehr ganz so präzise. Ich vermute, dass im Zug der Schreibarbeit dem ersten Teil mehr Überarbeitungsschritte zugute gekommen sind. (Kann ich mir aber auch einbilden, weil es mir selbst immer so geht, dass mir am Schluß tendenziell die Luft ausgeht.)

Was ich auch noch erzählen wollte: In Paul Austers Roman 4321 gibt es eine Episode, die der von der "Krankl"-Namensgebung etwas ähnelt, basierend auf einer alten Anekdote von einem jüdischen Einwander, der im Einwanderungsbüro vor New York gefragt wird, wie er dann heiße, worauf der Mann auf Jiddisch circa (ich schlags jetzt nicht nach) so was sagt wie "Ich hobs vargessen", woraufhin der Bemate "Ferguson" in seinen Pass schreibt. So was kommt wohl wirklich vor! Und wir mühen uns da mit Fiktion ab!