„Sei nicht wie James Bond“, sagte Jakobs Vater und legte ihm die Hand auf die Schulter, während um sie herum auf dem Spielplatz Kinder kreischten und kletterten.
„Warum nicht?“, fragte Jakob, der insgeheim Geheimagent werden wollte.
„Ich habe alles gesehen“, sagte sein Vater. „Dein bester Freund hat sich versteckt, und du hast den anderen sein Versteck verraten. Das ist nicht nett. Niemand mag Verräter.“
Aber James Bond mochten alle.
„Führ dich nicht auf wie James Bond“, sagte Jakobs Mitbewohnerin, schlug Jakob gegen den Oberarm, zog an ihrer Zigarette und bewölkte die WG-Küche.
„Was habe ich getan?“, fragte Jakob, der eigentlich für seine Prüfung in „Internationale Beziehungen“ lernen sollte.
„Spinnst du?!?“ Sie hob die Hand, als gäbe es gleich eine Ohrfeige. „Deine Freundin heult sich die Augen aus, weil du diese blonde Austauschstudentin angegraben hast. Pussy Galore – was ist das überhaupt für ein Name? Und was war das für eine Arschlochaktion von dir. Sowas macht man nicht.“
Doch James Bond machte das.
„Sie glauben wohl, Sie sind James Bond“, sagte Jakobs Vorgesetzter im Ministerium, knallte einen Aktenordner auf den Tisch und ließ per Fernbedienung die Jalousien herunter.
„Ich habe nichts Unrechtes getan“, sagte Jakob.
„Sie verkaufen unsere Staatsgeheimnisse ans Ausland. Das führt zu politischer Unruhe, Polarisierung der Gesellschaft und wirtschaftlicher Unsicherheit. Sie schaden Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Das dürfen Sie nicht.“
Pah, James Bond durfte das.
„James Bond würde das nie tun“, sagte Jakob zu seinem Sohn, als dieser ihn im Rollstuhl durch die Wohnung schob, seine alten Arme an den Handgriffen festgezurrt.
„Sicher würde er. Er hat die Lizenz zum Töten“, sagte Jakobs Sohn, Schauspieler und beinharter Verfechter des Method Acting. „Ich muss jetzt erben! Weil freiwillig hast du noch nie was rausgerückt. Ich brauche Geld für meine große Audition in den Pinewood Studios in England.“
Jakob hustete einen Batzen Blut in seinen Schoß. Ihm wurde schwindlig. War sein Martini etwa vergiftet gewesen?
„Aber ich bin James Bond!“
„Das warst du. Bald bin ich der neue. James Bond stirbt nie.“
Und tatsächlich: James Bond lebte weiter.
review von: franz adrian wenzl
Ich sag mal so: Der Text will (und wird) die Welt nicht ändern, aber ich lese ihn so wie ich der Katze beim Spielen zuschaue. Ich empfinde ihn als beglückend absichtslos. Dabei durchaus raffiniert, wie sich die Blickwinkel ändern, und die einzelnen Vignetten sind gut pointiert geschrieben.