Wenn man in der steirischen Landeshauptstadt Richtung Norden fahren will, dann nimmt man entweder den 3er oder den 5er (Straßenbahn). Kommt man mit einer anderen Linie, dann sind die geeignetsten Umstiegstellen der Jakominiplatz oder der Hauptplatz. Also gut.
Ich steige bei der Station „Finanzamt“ in den 4er, der mich zum Jakominiplatz, der nächsten Station, bringen soll. Die Straßenbahn ist ziemlich gut gefüllt, ich zwänge mich durch die vordere Tür hinein, schiebe mich an ein paar Schülerinnen der Modeschule vorbei und bleibe im Gang stehen, in der linken Hand eine Tasche, mit der rechten halte ich mich an der oben verlaufenden Metallstange fest. Dicht vor mir eine jüngere Frau sitzend, neben mir eine ältere Frau stehend. Sie lächelt mir recht freundlich zu. Die Türen schließen sich, die Straßenbahn fährt ruckartig los. Die Luft im Inneren ist gewürzt mit Schweiß- und Parfumgeruch; außerdem recht dicht und dick. Draußen scheint die Sonne, es ist warm, die Fahrgäste großteils in Winterkleidung.
Kurz bevor wir an der Station Jakominiplatz ankommen, holt die Frau neben mir plötzlich tief Luft – und lässt einen gewaltigen Nieser, knapp an mir vorbei in Richtung der sitzenden Dame, los. Ich spüre den Luftzug, einige Fahrgäste drehen sich um, die sitzende Frau beutelt sich die Haare. Die Dame hat weder eine Hand vor die Nase geführt, noch sich zur Seite gebeugt oder den Ellbogen gehoben. Ich blicke sie finster an, sie lächelt befreit auf, dann hält die Straßenbahn, ich muss aussteigen. Ich steige aus, die Dame steigt ebenfalls aus. „Ich mein´, Sie hätten wenigstens die Hand vorhalten können. Sie niesen da in die Menge und lächeln dann erleichtert auf… schlechte Manieren, dass es so etwas gibt…“.
„Na ja“, meint die Dame, die nach rechts weggeht, „ausweichen…“. Ich schüttle den Kopf, gehe hinüber zur Linie 3, weil ich Richtung Norden will.
So etwas gibt´s normal nicht, denk´ ich bei mir, muss aber über die unverschämte Kühnheit der Dame auch ein bisschen schmunzeln.
In der Straßenbahnlinie 3 – weniger Leute, bessere Luft – fällt mir dann eine Erzählung vom Baron Münchhausen ein. Dort bewegt ein liegender Riese durch Ausblasen aus einem Nasenloch eine Windmühle und schickt, wenn ich mich recht erinnere, auch ein Segelschiff auf die Reise.
Sollte ich der Dame wieder einmal begegnen, so würde ich ihr vorschlagen, sich in einen der Windparks zu begeben und bei der Stromerzeugung behilflich zu sein. Energiesicherheit und so. Das wäre dann mein grober Wortklotz auf ihren groben Nasenkeil.
review von: franz adrian wenzl
Du kannst gut und bildhaft beschreiben, aber: Dieser Text steuert auf eine eindeutige Pointe zu & die wird umso klarer herausgearbeitet, wenn sie nicht durch allzuviele Details, die für Pointe nicht erheblich sind, zugedeckt wird. Im Prinzip könntest du starten mit: "Neulich sitze ich in Graz in der Straßenbahn, da holt die Frau neben mir..." Wobei "in Graz" auch schon ein Zugeständnis für ein bisschen Lokalkolorit ist, denn im Prinzip ist auch das nicht wichtig, sofern die Frau mit ihrem Niesen nichts spezifisch Steirisches macht.
Also, nichts für ungut, die anderen Textteile sind gut & sie könnten über auch über hunderte Seiten gehen, wenn dein Thema "Wanderungen durch die Mark Steir" wären, aber dein Thema ist, was die Frau tut & wie sie das danach kommentiert.