franz adrian wenzl
Meine Täubchen - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) Meine Täubchen

beitrag von: tina_p

Meine Täubchen

Meine Täubchen

Tauben flattern.
Tauben schlagen mit den Flügeln.
Tauben gurren.
Tauben plustern sich auf.
Tauben picken im Mist auf der Straße.
Tauben picken in meinem Mist auf der Straße.

Meinen Mist.
Ich habe ihn weggeworfen und sie lesen ihn auf. Gleich wird es sein, als wäre er nie dagewesen. Zwischen jetzt und dem Nichts liegen fünf Tauben. Fünf gräuliche Tauben, mit vor- und rückgleitenden Köpfen, die im Gleichtakt picken. Ihre Schnäbel hacken auf den Leberkäse ein. Ein gefundenes Fressen. Die Tauben räumen meinen Mist auf, und ich verachte sie.

Tauben sind eklig.
Tauben sind Krankheitsüberträger.
Tauben kacken alles an.
Kacken.

Und jetzt verschlingen sie den Leberkäse.
Meinen Leberkäse.
Ich stampfe mit dem Fuß auf. Es ist wie ein Spiel. Die Tauben flattern auseinander. Doch bereits einen Moment später haben sie erkannt, dass keine Gefahr droht. Sie eilen zurück zum Leberkäse.
Fresst nur, meine Täubchen. Lasst euch bloß nicht stören.

Tauben sind gierig.
Sie fressen alles, was am Boden liegt. Und jetzt fressen sie meinen Leberkäse. Ahnungslos. Denn dass Rattengift im Leberkäse ist, das ahnen sie nicht. Ich aber weiß es. Und ich weiß, dass bald nicht nur der Leberkäse weg sein wird, sondern auch die Tauben.

Keine Tauben mehr, die flattern.
Die mit den Flügeln schlagen.
Die gurren.
Die kacken.
Auf meinen Anzug. Meinen Anzug. Der schick war. Und dann einfach nur lächerlich.

Bald sind sie weg.
Ohne Tauben wird dieser Platz endlich rein sein. Welch wohliger Gedanke. Ich entspanne mich bei dieser Vorstellung. Da flattern die Tauben in die Höhe. Ein Hund hat sich frech zwischen sie gedrängt. Ein weißer Terrier mit einem schwarzen Fleck über dem linken Auge. Ein Schnapp – und der Leberkäse ist weg. Mir stockt der Atem. Ein Mädchen läuft auf den Hund zu, herzt ihn. Ihre Mutter kommt dazu. Legt dem Hündchen, ihn freundlich tadelnd, die Leine an. Ich muss etwas sagen. Ich muss etwas sagen. Ich muss-
Sie steigen in den Bus. Der weiße Hund mit dem schwarzen Fleck über dem linken Auge springt auf den Schoß des Mädchens. Er sieht aus dem Fenster. Sieht mich. Der Bus fährt los.

Die Tauben gurren.

review von: franz adrian wenzl

Das ist eh so gedacht, dass man beim Lesen des Textes die Hände reiben und wie eine Hexe kichern soll? Falls nein: Ich hab das jedenfalls gemacht & es passt sehr gut! 
Hintenrum hab ich das Gefühl gehabt, dass die Wendung mit dem Hund etwas zu einfach ist oder der Text noch ein bisschen Schwung vertragen könnte, aber ich könnte das nicht konkreter formulieren. Vielleicht war mir auch nur ein bisschen leid um den Hund. Aber vielleicht überlebt er es ja, das Gift war ja doch für die Körpergröße von Tauben dosiert. Sicher sogar. Heute taumelt er ein bisschen rum und frisst sein Pedigree nicht & morgen ist er schon wieder fit.