Der brief war nicht gemein, er hat ja seine pflicht erfüllt, sich eingeschrieben zustellen zu lassen, und er kannte mich auch nicht.
Aber von der ex war es ziemlich feig, mich durch eingeschrieben brief vom gericht wissen zu lassen, dass sie uns scheiden wollte.
Und was sie reingeschrieben hat, in den brief, war auch ziemlich tief. Kleinigkeiten hat sie verzerrt und aufgeblasen oder zum teil überhaupt frei phantasiert.
Später hat sie gemeint, sie hätt ja munition gebraucht, falls ich nicht einvernehmlich ins scheiden eingestimmt hätt, auch nicht so nett.
Warum hat sie sich nicht getraut, die wahrheit reinschreiben zu lassen, in den brief? Hatte wohl doch sorge, dass die richterin auch nicht besser verstanden hätt als ich, was so schlimm sein soll, am nur mehr wg-mäßig zusammenleben.
Egal. Hab ja dann auf meiner kopfwippe unter der bettdecke entschieden, nicht ewig unten zu bleiben und sie leiden zu lassen an meiner lebensverweigerung, sondern raufzuwippen ins weiterleben.
Bin eh seit jahren wieder in einer guten beziehung, zu der es nie gekommen wäre, ohne den tapferen brief.
Und inzwischen hab ich nicht mal mehr angst, den briefkasten zu öffnen.
review von: franz adrian wenzl
Ein starker Text, finde ich. So ein Stück Leben so genau aufs Papier zu bringen, dass es nicht zu groß wird und nicht zu klein und nicht von Äußerlichkeiten zu sehr verfremdet, das empfinde ich als sehr schwierig, da habe ich großen Respekt davor.