franz adrian wenzl
Das Mäderl - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) Das Mäderl

beitrag von: claudy

Das Mäderl

So ein herziges Mäderl, das mir da im 71er gegenübersitzt und meinem Blick ausweicht: blonde Zöpfe, himmelblaue Augen, Sommerkleidchen; neben ihr ihre junge Mama, die ständig über ihr Handy wischt, die so abwesend ist wie die beiden Jugendlichen - weiße Stöpsel in den Ohren, stumm auf ihre Handys starrend - schräg neben uns. 
Alle, außer dem kleinen Mäderl und mir alten Mann, befinden sich in anderen Welten. Und jetzt schaut‘s mich an, das Mäderl, aus großen Augen, neugierig und ernst, und ich lächle es an, schmelze gleich darauf dahin, denn es lächelt schüchtern zurück, ein Zahnlückenlächeln, so unfassbar süß wie damals das von Jasmin - ach, meine geliebte Jasmin ... 
Das Mäderl kuschelt sich jetzt, mich nicht aus den Augen lassend, an ihre Mama, die dies offenbar gar nicht registriert, sondern schon wieder schnell über ihr Handy wischt.  – Also, würde es sich an mich kuscheln, dieses allerliebste Kind, ich würde sofort das Handy weglegen und ...
Ich mache nun eine - hoffentlich - lustige Grimasse, zwinkere dem Mäderl zu, und es verzieht, mich nachahmend, ebenfalls das Gesicht, zeigt mir verstohlen ihre kleine rosa Zunge, und ich spiele natürlich mit, so wie früher bei Jasmin, strecke ebenfalls meine Zunge raus.
Aber jetzt, plötzlich, setzt das Mäderl einen weinerlichen Gesichtsausdruck auf, schluchzt laut auf und ruft, mit dem Finger auf mich zeigend: „Mami, der alte Mann da hat mir seine Zunge gezeigt!“
Und die Mami schreckt von ihrem Handy auf, schaut mich alarmiert an.
 „Ich habe Angst, Mami! Das ist ein ganz, ganz böser Mann!“, brüllt das Mäderl nun. 
Ich bin fassungslos, bin unfähig, etwas zu sagen.
„Keine Angst, mein Schatz, Mami ist bei dir, komm, wir setzen uns da ganz hinten hin, ganz weit weg von diesem Mann, okay?“, wischt sie nun nicht mehr über ihr Handy, die Mami, sondern die Tränen ihrer Kleinen weg, sagt laut im Weggehen zu mir: „Sie sollten sich sowas von schämen, Sie -!!“
Völlig erstarrt sitze ich geschockt da, dumpf dringen die Stimmen der beiden Jugendlichen zu mir durch: „Pädophiler... Lustgreis... müsste hinter Gitter ...“
Einer von ihnen spuckt vor mir aus, bevor sie aussteigen.
Irgendwie schaffe ich es trotzdem, so wie jeden Tag meine Tochter zu besuchen, bleibe länger als sonst am Grab von Jasmin, die viel zu jung bei einem Unfall verstorben ist.

review von: franz adrian wenzl

Da wagst du dich an große Themen! Im Detail, finde ich, umschiffst du stilistisch nicht gerade jedes Klischee, aber ich denke, das geht in Ordnung, weil ja deine Message eine sehr wichtige & menschenfreundliche ist, dass man nämlich, wenn ich das jetzt richtig deute, nicht mit fertigen Denkmustern an Menschen herangehen soll. Wer weiß, was er oder sie für eine Geschichte hat!
Wobei ich spitzfindig anmerken möchte: Möglicherweise daddelt auch die Mutter nicht am Handy auf irgendwelchen Quatschseiten rum, sondern sie löst gerade für jemanden ein wichtiges Problem!