franz adrian wenzl
Für X - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) Für X

beitrag von: claudy

Für X

A ist eingeladen worden, weil man A kennt.
X ist eingeladen worden, weil X jemanden kennt, der jemanden kennt, der A persönlich kennt.

A an der Bar, für X ihr neuestes Buch signierend: „Du schreibst auch?“
X: „Äh, ja, ein bisschen. Kurzgeschichten. Nichts Großes.“ 
A: „So habe ich auch angefangen. Aber der erste Roman war damals schon fertig - hier.“ A tippt sich an die Stirn. „Bei dir bestimmt auch, nicht wahr?“ 

X verblüfft: „- “
A: „Möchtest du mir davon erzählen?“
X (geschmeichelt): „Echt jetzt?!“
A lächelnd: „Ja.“

Und X erzählt. Zuerst zögernd, dann immer sicherer und ausführlicher werdend.
Denn A ist eine gute Zuhörerin. A unterbricht X nicht, nickt nur ab und zu. 
„Das wird gut“, sagt A schließlich. „Das wird sehr gut.“

X klappt noch in derselben Nacht den Laptop auf.
X schreibt. Konzentriert und hochmotiviert. Denkt immer wieder an As Worte.
Monate später hat X die Rohfassung fast fertig. 
Xs erstes Buch wird. Gut. Sehr gut.

X spaziert zufrieden durch die Innenstadt. 
Vor einer Buchhandlung bleibt sie stehen.
Neuerscheinungen. As Name groß auf einem Cover. 
X kauft As neues Werk. 

X liest es zuhause in einem Zug, liest die Endversion ihrer fast fertigen Rohfassung.
A hat Xs erstes Buch nicht gut, nicht sehr gut, sondern perfekt geschrieben.
Auf der dritten Seite steht: Für X.
X liest die Widmung x-mal. 

X bleibt drei Tage im Bett.
Dann löscht X die Datei mit ihrer Rohfassung.
Am vierten Tag bringt X alle Bücher von A zum Altpapier. 
Das Für-X-Buch wirft X zuerst hinein.