franz adrian wenzl
Langsam drehte sie sich von links nach rechts und wieder retour - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) Langsam drehte sie sich von links nach rechts und wieder retour

beitrag von: schreiberin

Langsam drehte sie sich von links nach rechts und wieder retour

Marie las die Ausschreibung. Sie schüttelte den Kopf. Las noch einmal. Lehnte sich zurück. „Das ist mein Job“, dachte sie. Das gibt’s nicht, das ist wie für mich gestrickt. 
Marie schnappte ein paar Unterlagen, murmelte, ich muss das nur kurz von Silke… und schon war sie draußen bei der Tür. Sie stürmte in Silkes Büro. Hast du eine Sekunde? Silke stellte die kleine Gießkanne auf dem Schreibtisch ab, nicht ohne zuvor kontrolliert zu haben, ob der Boden der Kanne feucht war, und wandte sich Marie zu. Marie legte Mappe samt Kuli neben die Gießkanne und berichtete ihrer Kollegin, ihrer liebsten Kollegin, ihrer fast Freundin Silke lachend von diesem unglaublichen Zufall. Nie würde sie sonst auf diese Seite schauen. Aber aus einem unerfindlichen Grund… Und dann poppte diese Jobbeschreibung auf. Minutiös berichtete Marie, was sie gerade gelesen hatte. Ich kanns nicht fassen, sagte sie. 
Magst du Kaffee, fragte Silke. Ein paar Sekunden war nur das Mahlwerk der Kaffeemaschine zu hören. Silke wartete, bis die kleinen Tassen voll waren. Der letzte Tropfen zeichnete einen braunen Punkt in die kompakte Crema.
Silke reichte Marie eine der Tassen, trug ihre zum Schreibtisch und setzte sich in den Hochlehner. Langsam drehte sie sich von links nach rechts und wieder retour Ob sie sich das gut überlegt habe, fragte sie. Ich kenn die. Die machen dich fertig dort. Silke sprach von Intrigen und Mobbing. Außerdem, bei deinen Qualifikationen! Ein Abstieg wäre das. Ich würde mir das gut überlegen, sagte sie. Und ¬ du würdest mir fehlen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn du nicht mehr in unserer Abteilung bist. Gut, das war ein Punkt, den Marie nicht bedacht hatte. Sie fühlte sich wohl an ihrem Platz. Auch wenn mittlerweile vieles Routine war. Vielleicht, weil vieles mittlerweile Routine war. Die Arbeit ging ihr leicht von der Hand, sie konnte die Pausen einhalten, mit Kolleginnen Kaffee trinken und plaudern und pünktlich heimgehen. Nur manchmal dachte sie, dass es schön wäre, noch einmal etwas anderes.... Von Langeweile wollte sie nicht sprechen. Nein, langweilig war ihr auf keinen Fall. 
Nach dem Gespräch mit Silke war Maries Euphorie wie weggeblasen. Es war gut, eine Kollegin zu haben, die so nüchtern beurteilen konnte. Die sich nicht von Emotionen mitreißen ließ. Marie wusste im Grunde, dass sie dazu neigte, Luftschlösser zu bauen. Sie seufzte, setzte sich wieder an ihren Computer und klickte die Seite des Headhunters weg.

Naja, was soll ich sagen? Silke setzte sich im Auswahlverfahren durch. Bei der Abschiedsfeier, die die Kollegen für sie gaben, zeigte sie sich gerührt. Danke für eure Unterstützung all die Jahre. Ohne euch hätte ich das nie geschafft, sagte sie und hob ihr Glas. Eine nach der anderen gingen die Kolleginnen zu Silke, um mir ihr anzustoßen. Nur Marie war in der Nähe der Tür stehen geblieben. Bevor sie gehen konnte, war Silke bei ihr und stieß ihr Glas gegen das von Marie. Warum hast du dich eigentlich nicht beworben?