franz adrian wenzl
Austausch - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) Austausch

beitrag von: nhimmelsbach

Austausch

Ich war immer die Nette. Hilfsbereit, verständnisvoll. Alle sollen sich gesehen und mitgenommen fühlen, keiner zurückgesetzt. Die Geburtstage im Kopf. Von jedem am Tisch das Lieblingsessen, die Hobbies, den Namen der aktuellen Partnerin. Lebensmittelunverträglichkeiten. Allergien, Laktose. Vegetarisch, vegan, oder geht auch mal Fisch. Und nach dem Essen stehst du in der Tür, winkst zum Abschied hinterher. Dann gehst du in die Küche, machst den Abwasch und bringst den Müll raus. Du weißt ja, wie das ist.

Dann bin ich auf diesen Onlinekurs gestoßen. Lief als Schreibworkshop, "Kleine Gemeinheiten". Das war aber ein Trick, um die richtigen Personen anzusprechen, die, die sich vom Thema angezogen fühlen. In Wirklichkeit war es eine wissenschaftlich begleitete Studie.

Erst ging es darum, schreibend die Perspektive zu wechseln, auch mal die andere Seite sehen, das Kämpferische, Durchsetzungsstarke wahrnehmen, wenn einer die Ellbogen ausfährt und mit allen Mitteln fighted für das, was er will. Die Fähigkeit zu wecken, den eigenen Vorteil strategisch zu verfolgen. Und auf das mit eigener Kraft Erreichte ehrlich stolz können. Das musst du nämlich auch erst lernen.

Das Entscheidende waren die praktischen Übungen. Da habe ich endlich kapiert, was für eine dumme, blöde Kuh ich mein Leben lang war. Nicht drängeln. Warten, bis ich an der Reihe bin. Den nächsten auf die Schaukel lassen, auch wenn ich noch nicht fertig bin. Die Süßigkeiten mit dem kleinen Bruder teilen, der seine sofort gegessen hat, statt sie sich einzuteilen. So fängt's an. Und das setzt sich dann fort. In Ausbildung, Beruf und Partnerschaft. Das schüttelst du nicht einfach ab, auch mit wissenschaftlicher Begleitung musst du hart an dir arbeiten.

Der Martin hat da übrigens auch mitgemacht. Hast du nicht gemerkt, wie er sich verändert hat? Wir waren erst total überrascht, uns dort zu treffen. Wir sind uns
nahe gekommen, sehr seelisch, aber auch ganz körperlich. Er war ja buchstäblich ausgehungert - du weißt selbst, wie lange zwischen euch nichts mehr gelaufen ist. Hast du wirklich nichts gemerkt? Die Mittwoche, die Samstage? Und wie Martin aufgeblüht ist, seit wir uns lieben?

Whatever. Ob du es jetzt geahnt hast oder nicht - wir wollen es jedenfalls nicht schwerer für dich machen, als es eh schon ist. Martin und ich denken, dass jetzt ein schneller, glatter Schnitt das Beste ist, übrigens für uns alle. Während wir hier sitzen, hat er deine Klamotten und Bücher abholen lassen. Ist jetzt alles im "Best Western Westend". Ab 15:00 Uhr kannst du dort einchecken. Die Kosten für die erste Woche übernehmen wir, ist schon im Voraus bezahlt. Das Schloss in eurer Wohnung hat Martin heute Vormittag getauscht. Du brauchst nicht versuchen, uns anzurufen. Martin hat ein neues Handy. Ich auch.

Ich gehe jetzt. Aber weißt du, meine Liebe, bei der Unterwäsche, die in deiner Schublade war, wundert mich nichts. Die solltest du mal austauschen, so als kleiner Tipp für's nächste Mal, von Freundin zu Freundin.

review von: franz adrian wenzl

Oh, ich finde, den Grundton hast du sehr gut getroffen, so bekehrt & rechtschaffen. Wie in Filmen, wenn die Leute austicken, dabei aber ganz ruhig und souverän wirken wollen... “You talkin' to me?"

Schön auch der klare Aufbau: Jeder Absatz offenbart wieder ein bisschen mehr. Und das ist ja auch gut motiviert, zumindest so gut, wie es in so einem kurzen Text.

Möglicherweise ist das letzte "Von Freundin zu Freundin" fast schon ein bisschen sehr fies... aber nein, passt schon.

kommentare

Natalie Himmelsbach
27.04.2026 16:54

dankeschön:)

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