franz adrian wenzl
Früher - so eine gemeinheit!

franz adrian wenzl (aut) Früher

beitrag von: einszweidreikommavier

Früher

Thomas hat mir auf LinkedIn eine Kontaktanfrage geschickt. Thomas kenne ich von der Schule. Thomas war der Typ, der in der siebten Klasse meine Hausaufgaben abgeschrieben hat und danach so getan hat, als wäre das ein Vorgang gewesen, von dem wir beide profitiert hätten. Ich habe die Anfrage angenommen, weil man das macht. 

Das war das erste Problem.

Drei Tage später schreibt Thomas.

»Hey! Lange nicht gesehen. Wie läuft's? Ich bin gerade dabei, etwas Spannendes aufzubauen, und denke, das könnte auch für dich interessant sein. Hast du Zeit für einen kurzen Call?«

Einen kurzen Call. Er sagt kurzen Call. Er sagt auch Spannendes. Ich weiß sofort, was das nicht ist. Oder was das ist. Herbalife nämlich oder Amway oder irgendwas mit ätherischen Ölen, das sich Wellnesslösung nennt und in Wirklichkeit so eine Schneeballsystemschurkerei ist, bei dem man seine Freunde anruft und ihnen erzählt, dass man etwas Spannendes aufbaut.

Ich schreibe: »Hey Thomas! Klingt interessant, meld dich gern.«

Das ist gelogen. Ich weiß, was kommt. Aber ich schreibe es trotzdem, weil ich nicht der Mensch sein will, der sagt: Thomas, ich weiß genau was du vorhast und ich bin nicht dabei. Das wäre zu direkt. Das macht man nicht. Stattdessen machen wir beide so, als ob. Als ob seine Nachricht eine echte Nachricht wäre. Als ob meine Antwort eine echte Antwort wäre. Als ob wir Freunde wären, die sich lange nicht gesehen haben und jetzt wieder in Kontakt treten, ganz organisch, aus gegenseitigem Interesse, und nicht weil Thomas eine Kontaktliste für das fünfundzwanzigjährige Maturatreffen abarbeitet.

Thomas meldet sich nicht mehr.

Vermutlich, weil ich nicht enthusiastisch genug war. Oder weil er schon jemand anderen gefunden hat. Oder weil der Algorithmus ihm gesagt hat, dass Kontakte mit weniger als fünfhundert Followern kein relevantes Netzwerk darstellen.

Ich bin etwas beleidigt. Thomas hat mich nicht angeschrieben, weil er mich kennt. Thomas hat mich angeschrieben, obwohl er mich kennt. Die Schule, die gemeinsamen Jahre, mein Name in seinem Kopf. Das alles war kein Grund für Kontakt, sondern ein Werkzeug. Das Vertraute als Türöffner. Die Vergangenheit als Verkaufsstrategie.

Und ich habe mitgespielt. Ich habe »klingt interessant« geschrieben und damit bestätigt, dass das so geht. Dass man Leute, die man von früher kennt, so behandeln darf. Dass dieses Früher eine Ressource ist, die man anzapft.

Ich ärgere mich über Thomas.

Ich ärgere mich mehr über mich.



review von: franz adrian wenzl

Ich finde es super, wie genau du die einzelnen Stationen dieser Situation durchleuchtest. Als Leser würde ich mir vielleicht noch ein bisschen literarische Raffinesse erhoffen, aber das ist Geschmackssache - der Wert des Textes liegt, denke ich, sowieso im präzisen Hinschauen: Was geht in diesem und jedem Moment in mir vor? Was löst das aus?

Noch eine Anregung: Es besteht ja durchaus eine Wahrscheinlichkeit, dass das LinkedIn-Konto von diesem Thomas einfach gehackt worden ist - hatte ich selbst erst kürzlich! - und er diese Nachricht gar nicht selbst geschrieben hat. Das ist durchaus gang und gäbe und dass die Ich-Erzählerin/der Ich-Erzähler das nicht in Betracht zieht, könnte manche Leser & Leserinnen irritieren. Sollte man vielleicht noch in irgendeiner Form integrieren.