Die Welt ist schlecht - A True Irish Story - so eine gemeinheit!
franz adrian wenzl (aut)
Die Welt ist schlecht - A True Irish Story
beitrag von: EllenC
Die Welt ist schlecht - A True Irish Story
Ende der 1980er Jahre sitze ich mit meiner Freundin Ida und Sabine, einer Journalismus-Studentin aus Wien, vor den berühmt-berüchtigten Windmill Lane Studios in Dublin. Berühmt und berüchtigt, seit hier U2 eingezogen sind. Wir warten schon lange, dass sie rauskommen. Und ich muss nach drei Wochen Interrail in Kürze den Zubringer-Zug zur Fähre nehmen, die mich dann weg von U2 bringt. Ob Sabine genau weiß, dass U2 heute in den Studios sind? Das Tor öffnet sich und spuckt tatsächlich 4 Gestalten aus! Aber es sind nur die Hothouse Flowers. Eine gute Band und der hübsche Dunkelhaarige ist auch dabei. Sie kommen zu uns rübergeschlendert und wir versuchen unsere Enttäuschung zu verbergen, lassen uns Autogramme geben und ich mache Fotos, auch von dem Dunkelhaarigen, der tatsächlich ein Flower-Hemd anhat. Aber sie wissen Bescheid, sagen aber nicht, ob U2 wirklich da sind. Vorher war’s noch sonnig, jetzt wird’s wolkig. Ich schaue auf die Uhr – die Zeit drängt – dann zur geschlossenen Tür, ich schaue zu Ida: Don’t go. Don’t leave me nownownownow. Doch ich bin einfach zu korrekt. Ab jetzt bitte alles in Schwarz-Weiss. Wie in Trance packe ich meine 7 Sachen zusammen. Ich drücke Sabine, dann Ida etwas länger. Ich reiße mich los und gehe, ohne noch einmal zurückzublicken, denn dann würde ich bleiben. Es beginnt zu regnen. Tropfnass sitze ich später im Zug und verbringe dann die lange Schiffsreise fiebrig, erschöpft und zwischen anderen, Betrunkenen und / oder wie ich verschwitzt und nach whatever Riechenden auf dem Teppichboden der Lounge in verblasstem Rot. Mir ist abwechselnd kalt vor Schüttelfrost und heiß vom Fieber, ich nicke immer mal wieder weg, sehe Bono im Regen stehen sein langes Haar ist ganz nass und strähnig aber eigentlich auch ganz sexy, und wache dann vom Husten wieder auf. Bevor ich endgültig einschlafe, frage ich mich noch, warum Ida mir nicht smst oder eine WhatsApp schickt – aber HALLO?! Wir sind ca. im Jahr 1988, da gibt es noch keine Smart- oder iPhones! Ich treffe dann auf der Fähre noch 2 Jungs, mit denen wir in Tralee Nein kein Bett ein Zimmer geteilt haben, und sie schleppen mich mit von Le Havre nach Paris und setzen mich dort in den Zug. Daheim, als Ida mich endlich anruft, erwarte ich gemeinsames Wundenlecken mit anschließendem Übergang zur Tagesordnung. Aber was Ida dann sagt, lässt mich am Boden zerstört zurück. Als ich den Hörer auflege, singen mir die Hothouse Flowers ins Ohr It’ll be easier in the morning. Doch ich bin zutiefst verletzt. Und wütend, wütend, wütend. Ich bin wütend auf mich und die Welt, auch auf die Hothouse Flowers und Sabine, ja, auch auf Ida, auf die Windmill Studios, auf Dirty Old Dublin, ganz Irland, die schmuddeligen Hostels und fiddeligen Pubs, die Bahn, die Fähre, Paris, Irish Folk Music, ja, sogar auf die keltischen Kreuze. Aber vor allem, mit Abstand zu allem und allen anderen, und an erster Stelle, auf Adam, Larry, The Edge und Bono, die kurz nachdem ich gegangen war, aus den Studios kamen.
review von: franz adrian wenzl
Das kann ich gut nachvollziehen, das hätte ich mich auch fertig gemacht!
Erzählerisch würde ich das klar als erinnerte Episode sehen & das anekdotisch erzählen, sollen heißen: Nur das schreiben, was für die Geschichte essentiell ist. So wie du es in einer Runde erzählen würdest... Und auch wenn es mich schmerzt, das zu schreiben, aber in dieser Runde würden dir bei dieser Textfassung einige Zuhörer glasige Augen bekommen, vielleicht sogar ein bisschen schnarcherln... Ich meine, deine Heimfahrt ist schön beschrieben & vielleicht hab ich da irgendeine Ebene nicht gecheckt (Irland? > Joyce? > Odysseus?), aber ich fürchte, ich würde sie an deiner Stelle ganz weglassen.
Das wichtige ist: Du bist voll auf Abenteuer gebürstet, wartest auf U2, es kommen aber nur die Scheiß-Hothouse Flowers. Dann beschließt du, brav und vernünftig zu sein, fährst heim, wer kommt akrat kurz danach raus? Die Scheiß-U2!
Dafür zürnst du allen, inklusive Gott bzw. seinem zweithöchsten Vertreter auf Erden, Bono. Insgeheim fühlst du aber, dass dich in erster Linie das Schwanken zwischen deinen, ach, 2 Seelen in der Brust um diese einmaligen Gelegenheit gebracht hat.
Und schon halt ich wieder den Mund!