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kritik der tiere

beitrag von: chzureich

Baut ihnen Kathedralen aus Kohl

Wollen wir diese Welt noch retten
braucht es einen Paradigmenwechsel 
braucht es neue Idole
Superhelden.
Die Losung laute: Schnecken an die Macht!
Statt zu poltern und zu posen 
entfalten sie ihre Superkraft
angenehm lautlos auf saugender Sohle.
Nie reagieren sie vorschnell, krass
stülpen Stielaugen achtsam auch nach innen 
(Introspektion sind wir so gar nicht gewohnt 
von denen, die bislang oben)
statt zu delegieren lösen Schnecken 
Probleme lieber selber
die Wohnungsnot etwa
wobei sie auch kleinere Schönheitsreparaturen an der Bausubstanz
gleich mitübernehmen
(ungewöhnlich solche Tatkraft bei hohen Tieren) 
auch in Sachen Wolllust, die Mollusken: 
vorbildlich eigenverantwortlich und progressiv 
befruchten sich mal so mal so
ganz wie es gerade passt, unkompliziert. 
Überhaupt: Sie machen selten Kapriolen und 
schürfen sie doch einmal auf Messers Schneide
sondern sie im Schleimsaum gleich heilsame Substanzen ab.
Schwupp, ein Wunder, schon ist die Wunde weg.
Sicher wäre - großmaßstäblich gewonnen -
dieser Saft auch für uns als Menschheit sehr erklecklich. 
Huldigen wir also allem, was Schnecklich 
bauen wir Kathedralen
aus Kohlrübensetzlingen
und Betten aus 
Blattsalat
(ohne blaues Korn, das ihn bewacht). 
Ja, so soll es sein: Schnecken an die Macht!

review von: martin fritz

hurra, endlich mal ein uneingeschränktes lob eines tieres, das erfreut mich sehr. inhaltlich kann ich also nur allem komplett zustimmen - ich hoffe ebenfalls sehr, die schnecken übernehmen den laden möglichst bald (und schön, dass ein thema, das wir anlässlich früherer beiträge hier schon mal hatten, hier wieder aufgenommen wird unter dem stichwort wollust, der entspannte zugang der schnecken zu den so genannten geschlechtern). vorsichtig wäre ich einzig mit der formulierung, die selbstheilungssubstanz der schnecken könne "großmaßstäblich gewonnen" werden für die menschheit. da frage ich mich sofort, wie das genau bewerkstelligt werden könnte ohne dass schnecken dabei zu schaden kommen und ob sich die formulierung nicht auch als euphemismus eignete, falls es anders passierte? formal bin ich beim mehrmaligen lesen ins grübeln über die zeilenumbrüche gekommen. schon klar, sie schaffen rhythmus und schärfen die aufmerksamkeit beim lesen, aber würde der text vielleicht auch ohne sie funktionieren oder könnten sie teilweise auch an anderen stellen sein, der text dann nochmal eleganter gleiten wie eine schnecke durchs salatbeet?

wäre dieses manifest für die machtübernahme der schnecken ein anemonenfisch, er wäre naturgemäß ein glühkohlen-anemonenfisch.
Ann Marie Wolejnik sagt
25.04.2022 13:38
mir gefällt der text. nur soll man nicht glauben, dass so ein schneckenleben ohne nachteile ist. #hitze