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tex rubinowitz

6. dezember
besinnungslos besinnlicher text für die sfd

tex rubinowitz

weihnachten mit ABBA


es war dunkel geworden, nasskalt, überall zusammengeschobener, dreckiger schneematsch mit gelben flecken, jörg gaspar schulzi misstraute der weihnachtsbeleuchtung, überall, in den fenstern, über der straße, die schäbigkeit und ihr kalkül eine besinnlichkeit zu suggerieren, beeindruckte ihn nicht, er kaufte sich zwei dosen bier für später, für seine eigene bescherung, er hatte vor, sich selbst zuzuprosten, eine freude lag knapp unterhalb des nichts. an der ecke eines spielzeuggeschäfts saß ein besoffener weihnachtsmann, sein mantel war schmutzig und sein falscher bart hing nur noch halb an einem ohr, in der schlaffen hand hielt er eine glocke und er lallte schulzi nach: "das gegenteil vom gegenteil ist das weihnachten der neorealisten", schulzi schüttelte den kopf, aber stellte ihm eine seiner bierdosen hin und murmelte "don´t eat the yellow snow" und ergänzte: "ist nicht von mir, ist von ABBA", aber der weihnachtsmann bekam den schlechten witz gar nicht mit. schulzi stieg die steile treppe zu seiner kleinen wohnung hoch, die tür war unverschlossen, alles war erleuchtet, und duftete weihnachtlich, süßlich nach zimt, rosinen, brauner butter, irgendsowas, in der küche stand ein blonder engel, der aussah wie agnetha fältskog und strahlte ihn an, in den händen hielt der engel mit topflappen ein backblech voller bratäpfel, er hatte eine bestickte schürze umgebunden, auf ihr eine lachende katze mit einer kochmütze, der engel stellte das blech ab und wollte ihn umarmen, schulzi nahm die bierdose aus der tasche und schlug sie ihr auf den kopf, immer wieder, so fest, bis sie sich nicht mehr rührte und merkwürdig verrenkt am boden lag, beine und arme so abgewinkelt, dass es fast wie ein hakenkreuz aussah und sich um ihren kopf ein see aus blut und bier bildete, der immer größer wurde, er dachte, es sieht aus wie ein heiligenschein, er setzte sich an den küchentisch, fischte sich einen bratapfel vom blech, aber er war so heiß, dass er ihm aus den händen fiel und hinter den radiator kollerte. als schulzi ihm nachkroch, fand er dort eine seltsame, kleine frau, sie sah ein bisschen aus wie frida von ABBA, sie sang, aber anders als frida, ganz zerbrechlich: "in heaven everything is fine". er kannte das lied, er wusste auch, dass der komponist in seiner wohnung mit einem hammer erschlagen wurde, der mord wurde nie aufgeklärt, immerhin wurde er nicht mit einer bierdose erschlagen.

 

 

 

 

tex rubinowitz
*1961 in hannover. lebt seit 1984 in wien und zeichnet seit dieser zeit witze für verschiedene zeitungen im deutschsprachigen raum (falter, standard, zeit, faz, titanic). daneben gelegenheitsschauspieler, sänger und schalmeispieler in einer band mit zweifelhaftem namen (mäuse), doo wop-dj, buchautor.
gewinner des ingeborg bachmann-preises 2014.
publikationen (u.a.): die sieben plurale von rhabarber (2013), irma (2016), lass mich nicht allein mit ihr (2018) – alle bei rowohlt.
2013 leitetet tex rubinowtz diese klasse an der sfd:
"fusilli you crazy bastard, how are you?" https://sfd.at/newsflash/programm/2013/fusilli-you-crazy-bastard-how-are-you
und 2020 schrieb er für den sfd-krisenblog die reihe “zeit der übersprungshandlungen" http://sfd.at/krisenblog
sowie im "adventkalender des grauens" http://sfd.at/grauen