sie sind hier: startseite / alle beiträge / advenire - vom Kommen und Gehen, Folge: 8

advenire

als fortsetzung ausgewählt

advenire - vom Kommen und Gehen, Folge: 8

beitrag von: idratherbeinbed_
Der Dichtercowboy hebt sich aus seiner Hocke, lässt die Finger klackernd über die Edelstahlklingen laufen und zieht eine davon heraus. Geschickt wechselt er seinen Zahnstocher vom rechten in den linken Mundwinkel, steckt die Klinge ein und wirft den Rest der Maschine in den Mistkübel. Über Nihad ist bereits eine Traube Menschen gebeugt, er sitzt an der Gehsteigkante und hält sich den Kopf. Als der Dichtercowboy an Nihad vorbeigeht, treffen sich ihre Blicke. Mit einer verabschiedenden Geste hebt er seinen Cowboyhut leicht an und geht in Richtung Museumsquartier weiter. Er kennt den jungen Mann noch aus der Zeit, als er mit dessen Mutter für ein Monat ausgegangen und regelmäßig zum Abendessen eingeladen war. Damals war Nihad 12 und der Dichtercowboy - bereits der Dichtercowboy. An einem ungewöhnlich menschenleeren Platz bleibt er stehen und sieht sich um. Einkaufende, Schlendernde, Wartende, mit einem flotten Dreh auf seinen Absätzen markiert er seinen Bereich und nimmt den Hut, den er verkehrt herum auf den Boden legt, von seinem Kopf. Wallendes, rotbraunes Haar weht ihm mit großen Ausfallschritten ins Gesicht. Zwei Schritte, ein tiefer Atemzug und eine hastige Armbewegung später ertönt auf der Mariahilferstraße feministische Naturlyrik: 

Straßen Straßen Blumen Tiere
Bienchen Bäume Himmel Wald
MännerMännerMännerMänner
Versperren die Sicht.

Für einen Moment wird es ruhig und es formt sich ein Halbkreis um unseren Dichtercowboy. Den Zahnstocher zurück im rechten Mundwinkel dichtet er weiter:
Sogi sogtea sogi sogtea, daun hob i eam xogt
Sogi sogtea „geh“ sogi sogtea „gehweida“ daun hob i eam xogt..
In einem hypnotisierend, sinnlichen Tanz reimt er im Dialekt Poesie, so dass die Menschengruppe um ihn immer größer und größer wird. Die Menschen sind wie verzaubert von seinem Anblick und der Lyrik. Unter ihnen auch Thomas, neuer Leiter des Pistolen Verlags. Er braucht dringend frischen Wind im Verlagsprogramm, "Is he the one?", murmelt er leise.

review von: teresa präauer

dear idratherbeinbed_, sehr lustige charakterisierung des dichtercowboys! und sein gedicht: eine direkte antwort auf eugen gomringer?! ich hab den text zweimal lesen müssen, um das gedicht auch wirklich ihmdem c. zuzuordnen, da es eben aus der mahü tönt oder über die mahü, man denkt zuerst an eine dichterin am balkon der sfd, auch traut man dem cowboy keinen feminismus zu (das mag aber ein vorurteil der leserin sein). und den pistolen verlag finde ich auch toll, sagen wir so: wenn die beiden schon ein kurzes aufeinandertreffen hätten in dieser folge, könnten wir in der nächsten den cowboy bereits reigenmäßig losgeworden sein. zu diesem zwecke empföhle sich, das zweite gedicht zum beispiel zu streichen, gleich den verleger auf den cowboy zustarten zu lassen, kurzes gespräch, das scheitern muss – und der verleger bleibt allein über für die nächste folge und einen neuen kandidaten. aber das sind feinheiten: gut geschrieben!
Tizian Pöhlmann sagt
10.12.2020 12:21
Hat mir sehr gut gefallen!