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advenire

als fortsetzung ausgewählt

advenire - vom Kommen und Gehen, Folge: 18

beitrag von: schreiberin
Im Reflex tritt die Küssefrau mit den hohen Absatzschuhen nach dem Meerschweinhündchen, das jaulend davonsaust, wie eine in der Flasche abgebrannte slowakische Neujahrsrakete. Der Schwung des Tritts bringt auch das Paar aus der Balance. Was ein neujahrskonzertwürdiger Pas de deux werden könnte, Frau beugt sich anmutig zurück, Herr neigt sich beschützend und stützend über sie, endet in einer widerlichen Balgerei in der Pfütze, die trotz des Windes immer noch nicht aufgetrocknet ist. Frau stößt den patscherten Herrn von sich, der, verdattert, greift nach ihren Armen, versucht heldenhaft, sie aus dem Dreck zu ziehen, Frau entwindet sich den Armen und stößt ein wütendes „Lass das!“ aus. Herr, von oben bis unten mit Gatsch besudelt, geht einen Schritt zurück, hebt beschwichtigend die Arme, sagt: „Liebes, ich will doch nur…“ Frau kreischt, Herr nähert sich mit ausgebreiteten Armen, versucht, Frau zu greifen, sie zu beruhigen. Frau wehrt sich, schlägt mit den Armen windmühlengleich nach dem Herrn. Ein Jogger, der sich vom Lusthaus her nähert, hebt die ultimative smarte Läuferuhr an die Lippen, sagt atemlos „133“ und „Überfall Prater Hauptallee, schnell“, läuft weiter, weil er hat heute einen guten Tag und will sich den sensationellen Kilometerschnitt nicht durch das Warten auf die Praterpolizei versauen.

review von: teresa präauer

sehr schön, liebe schreiberin, konkurrenzlos, aber auch mit konkurrenz: wäre das und ist das ein toller text, fast wie eine ungeschnittene kamerafahrt, eine sogenannte plansequenz. kaum punkte, dafür vorgänge, eins führt zum anderen wie bei den dominosteinen. gratulation!