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halt’s maul, wasserhahn! / übung

online-schreibklasse stefan slupetzky

 

 

halt’s maul, wasserhahn!

hassreden gegen alltagsgegenstände

prosa/poesie/drama (max. 1500 zeichen)


die henkel meiner umhängetasche, die mir alle paar sekunden von der schulter rutschen. der designerkorkenzieher, der einem beim öffnen jeder flasche in den linken handballen beißt (bei linkshändern ist es der rechte). oder auch der schuhlöffel, der einfach hässlich ist, ein billiges stück plastik aus den siebzigern. dass dieses scheißding seit jahrzehnten klaglos funktioniert, ist nichts als unterwürfigkeit: das hündische verhalten eines gegenstands, der sich dagegen sträubt, im müll zu landen. ehrlos. abstoßend. fehlt noch der klassiker unter den hassobjekten: der tropfende wasserhahn …

hämmert auf eure versifften tastaturen und wascht den aufmüpfigen dingen endlich mal den kopf – aber rutscht nicht auf der seife aus!
bitte nicht mehr als 1500 zeichen! prosa, lyrik, dramolett? egal. hochsprache oder mundart? wurscht. aus tiefster seele sollen die texte kommen, wie ein donnergrollen.

 

die teilnahme an dieser klasse ist von 9. juni bis 21. juli 2020 möglich.

die teilnahme ist kostenfrei. im menü oben >> teilnahme klicken.
sollte noch kein sfd-account vorhanden sein, einfach ab 6.4. >> hier registrieren und teilnehmen.
alle textbeiträge als auch die kommentare von stefan slupetzky sind online für jede/n einsehbar.

 

 

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stefan slupetzky

Warum mich alle Gegenstände hassen

 

Warum mich alle Gegenstände hassen,
ist mir ein Rätsel, ich kann’s nicht verstehn.
Ein so ein Hass ist fast nicht mehr zu fassen,
da hilft kein Bitten, Betteln oder Flehn.
Warum mich alle Gegenstände hassen,
als hätt ich ihnen irgendwas getan.
Und wär mir heut der Zug nicht vor der Nase weggefahren,
dann werfert es mich völlig aus der Bahn.

Um acht Uhr Früh erwach ich ganz erschrocken
zwei Stund zu spät, der neue Wecker is a Hund,
ich hupf ins Gwand, doch meine Socken
sind vom Waschen noch nicht trocken,
und zwei Stunden lang frag ich mich nach dem Grund.
Dann komm ich drauf, es is ein Wasserrohr gebrochen,
gleich überm Wäschetrockner tröpfelts vom Plafond,
ich hol sofort an Kübel, doch
der blöde Kübel hat ein Loch,
und das Wasser tröpfelt weiter monoton.

Das Internet geht wieder nicht,
dabei habm sie s erst gestern g’richt,
und ohne Handy bin ich völlig aufgeschmissen,
das hab ich gestern erst verloren,
i wünschte, ich wär nie geboren,
doch dem Papa ist damals das Kondom gerissen.

Ich will ja nicht pathetisch sein,
kann das vielleicht genetisch sein?
Kann so ein Pech magnetisch sein?
Mein Therapeut sagt Nein.

Warum mich alle Gegenstände hassen,
ist mir ein Rätsel, ich kann’s nicht verstehn.
Ein so ein Hass ist fast nicht mehr zu fassen,
da hilft kein Bitten, Betteln oder Flehn.
Warum mich alle Gegenstände hassen,
als hätt ich ihnen irgendwas getan.
Und wär mir heut der Zug nicht vor der Nase weggefahren,
dann werfert es mich völlig aus der Bahn.

 

 

stefan slupetzky

*1962 in wien. autor, illustrator und musiker.
studium an der akademie der bildenden künste in wien. parallel dazu musikalische und schauspielerische tätigkeit. nach kurzer lehrtätigkeit an einem gymnasium arbeitet er als freischaffender autor und illustrator. lesereisen im in- und ausland. zahlreiche auszeichnungen, u.a. 2005 der friedrich-glauser-preis für seinen kriminalroman der fall des lemming (rowohlt), 2010 der leo-perutz-preis für lemmings zorn (kriminalroman, rowohlt), 2009 verleihung des radio bremen-krimipreises für autoren und autorinnen qualitativ herausragender werke der kriminalliteratur. 2020 buchpreis der wiener wirtschaft.
2010 gemeinsam mit tomas slupetzky und martin zrost gründung der wienerliedercombo "trio lepschi". aktuelle publikation: im netz des lemming (haymon 2020).
2017 unterrichtete stefan slupetzky an der sfd die kriminelle liederklasse "med aan schwoazzn lebdob" (www.sfd.at/krimi).
www.stefanslupetzky.at