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die textförmige hängematte eines bizarren augenblicks / übung

konzeptionelle online-schreibklasse mit ann cotten (usa/aut)

"die textförmige hängematte eines bizarren augenblicks" / "the hammock-shaped text of a bizarre moment"

 

 

(c) ann cotten (aus: verbannt! suhrkamp 2016)

 

 

vor langer zeit hat einer gerufen: “glotzt nicht so romantisch!”, er hätte auch noch ein “und schreibt nicht so innerlichkeitsbesoffen” hinzufügen können. hat sich aber eh kaum jemand daran gehalten. in ann cottens klasse ist konzeptuelle textproduktion gefragt, ein denken über dichtung, das das notwendige einfach-drauf-los-fabulieren reflektierend begleitet, aber auch in tiefer nacht mit beunruhigenden vorwürfen attackiert. obwohl sentimentaler schreibantrieb anerkannterweise die absolute nummer 1 bleibt, muss immer wieder auch ein entsentimentalisierter blick auf kunst hereinkommen und die lichter andrehen.

gesucht: gedichte oder experimentelle prosa (à max. zeichenzahl: 1500).

the class is bilingual, english and german. die klasse ist zweisprachig, englisch und deutsch. es können sowohl deutsch- als auch englischsprachige beiträge gepostet werden. (please see the class description in english below.)

die teilnahme an dieser klasse ist von 12. oktober bis inkl. 23. november 2020 möglich.
die teilnahme ist kostenfrei. im menü oben >> teilnahme klicken.
sollte noch kein sfd-account vorhanden sein, einfach ab 12.10. >> hier registrieren und teilnehmen.

alle textbeiträge, als auch die reviews von ann cotten sind online für jede/n einsehbar.

 

es folgt die “ausschreibung” der autorin:

 

hängen sie sich zwischen sarkasmus und hingerissenheit, philosophie und originalitätssucht so auf, dass sie einen moment lang einen platz zum existieren haben!

was wollen sie machen? wie wollen sie es machen? wie, wer und wo wollen sie dabei sein? all das sind fragen, die zum design einer für sie optimalen textform beitragen.

geben sie zunächst bitte eine kohärente aufstellung dieser parameter vor, darunter den text.

wegen der kürze der form empfehle ich so etwas wie gedichte oder experimentelle prosa (max. zeichenanzahl: 1500). es so zu benennen erinnert wenigstens an die tatsache, dass das sicher schon mal wer gemacht hat. ich werde ihnen dazu möglichst hilfreiche und zielgerichtete fragen stellen.

es heißt ja immer, texte sollen im licht ihrer eigenen absichten beurteilt werden. solche animistischen metaphern können uns ebenfalls helfen, die anforderungen einer sachlage zu verstehen und von den eigenen üblichen lieblingsideen abstand zu gewinnen – und was hat text denn für einen anderen sinn als die erzeugung von abstand?

beurteilen hingegen kann uns nur insofern interessieren, als es bei einer hängematte wichtig ist, dass sie funktioniert, also:

- einen nicht fallen lässt,

- tatsächlich bequem ist,

- und vielleicht sogar einen nicht aussehen lässt wie ein ruhender depp. (wenn doch: warum? da steckt immer was lernenswertes dahinter...)

anders gedreht, schlechte texte sind schlecht, weil sie nicht gut funktionieren. (aber was sollten sie denn tun?) was immer der zweck, wir müssen diese arbeit genauso wie tischlerei oder schneiderei ernst nehmen, das heißt, es ist technisch essentiell, die gegenseitige abhängigkeit und hierarchie der verschiedenen teile der arbeit zu begreifen. beim ertappen eigener denkfehler sind wir auf gegenseitige hilfe angewiesen.

 

 

und hier noch die möglichkeit eines “funktionierenden” texts im sinne der autorin:

 

2. zielvorstellungen: es soll ein bild erzeugen, das mich vergnügt, auch bei mehrmaligem lesen. es soll sprachlich schmerzfrei sein. es soll sprachlich spaß machen und sinnlich auch. es soll irgendeinen bezug zur gegenwärtigen welt haben und zwar in der ganzen dreieckigen strecke zwischen mir und der gesetzeslage und den mitmenschen (ja auch der umwelt). es soll knapp sein. die sprache soll nicht im weg stehen. es soll, weil es literatur ist, anerkennen, dass es literatur gibt. es soll mich weder erhöhen noch auf eine notwendig unlautere weise erniedrigen, wenn ich das nicht gerade fühle.

3. kürzer.
es soll dem maßstab meines gefühls und zugleich dem objektivem maßstab der lektüre eines fremden menschen standhalten, das heißt gefühlt, nicht auseinanderfallen, nicht peinlich sein, nicht überambitioniert erscheinen also mehr versprechen als man halten kann, und wenn doch, muss diese pose eine sein, die ich auch in der lage bin für einen moment einzuschlagen – kürzer: es muss realistisch sein.

1. ein versuch:

Die Nacht kratzt. Ich weiß wer schuld ist.
Mein Kopf liegt nah am Fenster, wo Pferde pissen.
Oe1. Welt. Baustelle.

Ann, nach Bashô

4. ist es gelungen, die zeilvorstellungen zu erreichen? das ist schwer zu sagen. schwer für mich zu sagen. eine abstimmung wäre hier gut, oder konkrete kritik anderer leute. wenn aber jemand sagt, dieses wort hättest du besser in der zeile davor plaziert, so wie die bundesdeutschen lyrikerInnen, dann kann ich darauf nur stumpf starren. erst wenn ich das mache und die sache in eine lade lege und nach zwei monaten, in denen ich nicht darüber nachgedacht habe, nocheinmal anschaue, ist mir schlagartig klar, ob dieser mensch recht hatte oder nur irgendwas dahergesagt hat.
aber da ist ja jeder anders.

 

 

"the hammock-shaped text of a bizarre moment"

conceptual online writing class with ann cotten (usa/aut)

a long time ago, someone shouted "stop staring like romantics!", he might have also added "and don't write like you're drunk on your own innards". but hardly anyone has ever followed this person's advice. ann cotten's classes demand a conceptual approach to text production, require thinking about what writing is supposed to be, happening alongside the usually necessarily spontaneous writing practice. and also attacking it suddenly in the middle of the night with disturbing reproaches. even though sentimental reasons for writing may remain number 1, still from time to time a desentimentalized look at art must come in and turn the lights back on.

 

the class is bilingual, english and german. die klasse ist zweisprachig, englisch und deutsch. you can post in german or english.

the class is open for participation from 12 october until 23 november 2020
participation is free of charge. just click on >> teilnahme in the task menu.
in case you do not have an account yet, from 12 october, just register >> here and you can participate.
all text contributions, including the reviews by ann cotton, are public and can be viewed by anyone.

 

 

here is the author's "advert":

 

hang yourself to swing easy between sarcasm and rapture, philosophy and the quest for originality, in such a way that, for just a moment, you have a place to exist!

what do you intend to do? how do you set about doing it? what games do you want to participate in? these questions help design the optimal text form for you and your moment.

to start with, please sketch up a coherent table or list of these parameters. underneath this, you write the text.
i recpriommend something like poems or experimental prose, that gives you licence and reminds you this has been done before. i will try to ask you precise and helpful questions.
they say text should be judged in the light of its own intentions (rather than the author's) - that is to say animistic metaphors can be helpful in understanding the logic and demands of a situation as differentiated from one's own pet ideas.

provisionally, in this course, i propose to judge the texts as one would a hammock, with evaluative questions such as

- does it keep one from falling on the ground?

- is it actually comfortable?

- does it not make one appear a resting fool? (if it does, why? there is always something to learn here...)

turned on the usual spit: bad texts are bad because they don't work well. (but w.t.f. are they supposed to do?) whatever the intended shape, we must take this work as serious as carpentry, pottery or millinery, i.e. the interdependency and strategic hierarchy of different parts of the text are technically important to understand, whether you do this by consideration or experience. to find one's cognitive errors we need one another's eye.

the class is bilingual, english and german. die klasse ist zweisprachig, englisch und deutsch.

 

 

and here, one text to illustrate what the author means:


2. goals: create an image that amuses me even after reading it several times. it should be painless on the level of language. it should be delightful on the level of language but not so much as to distract or be fussy. it should be sensual but not in that annoying way like you have resolved to be sensual. it should refer to contemporary reality, and the whole distance between me and the legal, economical and agricultural premises we live in. it should be laconic. no words should stand in the way. being literature, it needs to acknowledge that literature exists already and has existed for a long time, or that one is naive and thus at best a sex toy. it should neither put me on a pedestal nor pretend to underrate me, unless i happen to be feeling that way.

3. shorter: it should pass the judgement of my precise experience as well as that of a stranger. it should not fall apart, it should not be embarrassing, it should not seem over-ambitious and promise more than one can keep. it should also not celebrate the privilegedness of my own stupidity. its pose must be one that i am able and prepared to strike and hold (for as long as it takes to make the poem).
shorter: it should be realistic.

1. a try :

night itches. i know whose fault it is.
my head lies right by the window, where ponys piss.
austrian radio. world. construction.

ann, after bashô

4. was i able to meet the goals? that is hard to say. hard for me to say. it would be good to have a vote here, or concrete criticism from others. but if someone, trying to be concrete, for example told me this and this word would be better in the line above, then i can only stare at this option. only if i do it perhaps in a second version, but with a pen is fine, and then put the whole thing in a drawer and neither look at it nor think about it for a couple of months, and then pull it out and look at it afresh, then immediately it is clear whether that person was right or was just saying anything.
but on this point, people are different....

 

 

 

ann cotten

*1982 in iowa/usa. aufgewachsen in wien.
autorin. schreibt gedichte und prosa. germanistik-diplom mit der arbeit “die listen der konkreten poesie”.
zahlreiche auszeichnungen, u. a. erhielt ann cotten 2007 für ihr debüt “fremdwörterbuchsonette” den reinhard-priessnitz-preis sowie den clemens-brentano-förderpreis für literatur der stadt heidelberg, 2014 den adelbert-von-chamisso-preis für ihr bisheriges gesamtwerk – insbesondere für den erzählband ”der schaudernde fächer”. ann cotten lebt als freie schriftstellerin und übersetzerin in wien und berlin.
an der sfd unterrichtete ann cotten 2016 die klasse “manipjulääschen” (zs. mit hanno millesi) >> sfd.at/cotten_millesi
aktuelle publikationen:
verbannt! (versepos. suhrkamp 2016), fast dumm. essays von on the road. (starfruit publications 2017), lyophilia. erzählungen (suhrkamp 2019)
(u.a.)