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stefanie sargnagels “betriebsspionage”

in der klasse von lydia haider an der schule für dichtung:
"ich schnorre mich bei lydia haider in den poetikkurs 'die erben sollen nun sterben, die viren sollen krepieren', ein. aber nicht, weil ich das schreiben erlernen will, denn davor fürchte ich mich eher. das würde meinen naiven ghettoduktus möglicherweise beschädigen, meine gossenrohheit
zerkultivieren, ...

... meine schase in parfüm verwandeln, die grausbirnen in trauben, mein gröbi in ein fanta und so. meine lektorin sagt immer, sie findet es toll, dass man merkt, dass ich noch nie ein einziges buch gelesen habe, weil ich so nicht in eine imitation verfalle, sondern mit den fünf wörtern, die ich kenne, authentisch arbeite. was ich viel eher in den nächsten tagen lernen will, ist, wie man schreibinteressierten menschen, die in der ambition etwas von einem als autorin lernen zu können vor einen treten, mit autoritärer entschlossenheit begegnet. wie man so tut, als hätte man eine ahnung davon, was man eigentlich macht und wie die welt funktioniert. wie man ihnen halt und richtung durch zucht und strenge schenkt. damit ich das möglicherweise auch mal kann, also beruflich für money, denn das ist immer ein guter zuverdienst für künstlerinnen: so workshops. ich bin also nur aus gründen der betriebsspionage hier, inkognito, versuche aber, es mir möglichst wenig anmerken zu lassen. auffällig wird, dass ich die meisten fragen stelle: woher hast du diese methode? auf welcher theorie basieren deine ansichten über texte? was ist das für ein buch? warum weißt du soviele sachen, warst du uni oder was?

lydia haider erscheint am ersten tag vor der schreibklasse, die sich im verrauchten wiener stadtbahn zusammenfindet. wie immer mit medusenhaftem, wild in dicken strähnen abstehendem knallgelben haar. mit der einladenden entschiedenheit eines oberösterreichischen feuerwehrobmanns knallt sie uns eine zwei liter flasche gurktaler kräuterschnaps auf die tischplatte. dazu sagt sie im breiten dialekt: 'der muss heit goa werdn.' wir sind zum saufen gezwungen. mit großen augen schauen die teilnehmenden einander hilfesuchend an. ein kurzes zögern, dann schütten sie das klebrige gift unterwürfig nach und nach in sich hinein. nach zwei stunden speibt die erste von uns unter den tisch und meint, sie fühle sich nicht so gut. sie darf nach hause. alle anderen müssen kette rauchen und wer nicht mitschreibt, notiert und ununterbrochen dichtet, bekommt von lydia haider, die im schreitenden gang ihre runden um uns dreht einen flachen handschlag direkt ins genick. “sprache muss schmerzen!” schreit sie dann und legt einem ein wörterbuch vors gesicht. 'ihr müsst alle wörter aus dem wörterbuch abschreiben, denn nur so werdet ihr verstehen, wie viele wörter es wirklich gibt.' ich tue mein bestes, aber setze am nächsten tag aus persönlichen gründen aus.

ich stoße erst wieder dazu, als es zwei tage später um das kapitel vortrag geht. das treffen findet im café weidinger statt, lydia haiders stammlokal. ich selbst nehme es mit dem vorlesen nicht so genau, selber schuld, wenn die leute den text unbedingt vorgelesen bekommen wollen, nur weil sie zu faul sind, ihn selbst zu lesen, denke ich mir. ich verlese mich ständig und fühle mich dabei unbekümmert und gut. lydia haider aber meint, sowas geht überhaupt nicht, das sei eine schande, schändlich für die literatur, die sprache an sich, ich solle mich vor jedem einzelnen buchstaben schämen. also schließe ich mich den übungen willig an. wir müssen unsere backen aufblasen, unsere lippen lockern. verschiedene silben deutlich wiederholen, dann folgen kniebeugen. einige minuten widmen wir uns noch atemübungen, dann sollen wir versuchen, mit unserer zunge unsere nasenspitze zu berühren, was aus anatomisch nachvollziehbaren gründen niemand von uns schafft. lydia haider wird ungeduldig. sie befiehlt uns, unsere zunge soweit wie möglich rauszustrecken. wir folgen. dann öffnet sie ihre rote ledertasche, sucht ein bisschen und holt eine rostige grillzange hervor. sie geht auf eine teilnehmerin zu, klemmt ihre zunge zwischen das eisen. sie stützt sich mit einem angewinkelten bein auf die brust der jungen frau, lehnt ihren oberkörper nach hinten und zieht die zunge länger. 'das ist die zangengeburt eurer texte!!' schreit sie und reißt bei jeder einzelnen fester und fester bis uns die zungen schlaff bis unter das kinn hängen. 'ihr werdet mir noch dankbar sein.' sagt sie mit einem selbstsicheren lächeln und wirkt dabei fast mütterlich. wir sollen die gedehnten zungen einige minuten ruhen lassen, bis sie sich wieder etwas in ihre ursprüngliche form zurückziehen. ich fühle mich psychisch und physisch gebrochen, doch der übungstext, ein gedicht über einen lieben elefanten namens bubu, wird von allen teilnehmerinnen tatsächlich viel professioneller vorgetragen. dann müssen wir wieder saufen bis 4 uhr früh bis zum filmriss, das ist verpflichtend. ich habe viel über die literatur gelernt."

stefanie sargnagel, märz 2019

vorgetragen bei der klassenlesung am 29. märz 2019 im beisl "schmauswaberl", 1060 wien
>> https://sfd.at/newsflash/praesentation-der-feminstischen-schreibklasse
fotos >> https://www.facebook.com/poetryschool


(c) schule für dichtung


info zur feministischen schreibklasse "die erben sollen nun sterben. die viren sollen krepieren", gelietet von autorin lydia haider >> http://sfd.at/frauen